Brandenburg: Mit dem Fahrrad durch den Süden – Teil 1

Kurz nach dem Start der Tour. Foto: Erik Doffek

Kurz nach dem Start der Tour. Foto: Erik Doffek

Immer noch sind die Neuen Bundesländer vielen radelnden „Wessis“ ziemlich unbekannt, leider. Es gibt eine Vielzahl von neu angelegten Radwegen. Das Versinken im Sand und das Geholpere auf Plattenwegen gehören weitgehend der Vergangenheit an. Seit 2007 ist der Fernradweg „Tour Brandenburg“fertig gestellt. Nach einem Test des nördlichen Abschnitts der 1111- Kilometer-Route hat sich Autor Erik Doffek den Süden vorgenommen. Seine Eindrücke schildert er in zwei Beiträgen in unsrem Blog.

Tour Brandenburg: Start in Eberswalde

Auf das Wiedersehen mit Eberswalde habe ich schon lange gewartet. Nicht dass Eberswalde besonders attraktiv ist, aber dort endete vor zwei Jahren mein erster Abschnitt der Tour Brandenburg. Damals war ich fest entschlossen, den Rest dieses abwechslungsreichen Radwegs möglichst bald unter die Räder zu nehmen, zu gerne wäre ich damals weitergefahren. Gleich am Anfang bin ich wieder angenehm überrascht. Idyllisch geht es am alten Finowkanal entlang, schon im 17. Jahrhundert angelegt, immerhin die älteste noch befahrbare künstliche Wasserstraße Deutschlands. Heute ist sie nur noch Naturparadies und den Wasserwanderern vorbehalten. Plötzlich erhebt sich vor mir eine gigantische Stahlkonstruktion: das Schiffshebewerk Niederfinow. In dem 94 Meter langen Stahlriesen können Schiffe 36 Meter hoch gehoben werden. 1934 ersetzte er eine zeitaufwendige Schleusenkette am Oder-Havel-Kanal. An der Alten Oder entlang radle ich etwas später zum Oderradweg und dann weiter nach Süden.

Bademöglichkeiten in Hülle und Fülle

Hinter Strausberg stoppen an diesem herrlichen Sommertag immer wieder Seen mein schnelles Weiterkommen: Strausberger See, Liebenberger See, Maxsee, Trebuser See, Dehmsee, Kersdorfer See. Wohlweislich gönne ich mir in jedem See nur eine Schwimmrunde trotz des reichhaltigen Angebots verführerischer Badebuchten. An Spree und Spreekanal entlang erreiche ich spät am Abend mein Nachtquartier Beeskow.

An der Spree vor Beeskow. Foto: Erik Doffek

Idylle an der Spree vor Beeskow. Foto: Erik Doffek

Sandra vom Tourismusverband Seenland Oder-Spree zeigt mir per Rad tags darauf das Wichtigste der Stadt: die Stadtmauer, die Stadttürme, darunter der besonders imposante Luckauer Torturm, und die Marienkirche, alles in Backstein. Dann radeln wir durch dichte Wälder zu einem bekannten Kuriosum, der Seilfähre von Leißnitz. Der Fährmann zieht das schwere Schiff per Hand über die Spree. So etwas habe ich noch nicht gesehen. Am Wirchensee lasse ich mich durch eine Art Speisekarte, montiert auf einen Fahrradanhänger, zur Schlaubemühlelocken. Die ist heute ein Naturschutzzentrum mit verlockendem Angebot für hungrige Radler.

Route durch Teichlandschaft

Hinter Peitz wird die Reise richtig amphibisch. Der Radweg verläuft auf einem Damm zwischen mehreren Teichen. Mönche legten sie schon im 15. Jahrhundert an. Heute ist es die größte Teichlandschaft Deutschlands. Lautes Gekreische und Geschnatter begleiten mich auf dem einsamen Weg. Das Naturparadies stört nur die Reihe dampfender Kühltürme des Kohlekraftwerks Jänschwalde am Horizont. Nach so viel Natur ist Cottbus mit seinen zahlreichen Sehenswürdigkeiten der richtige Ausgleich: Stadtbesichtigung ohne Rad. In der Fußgängerzone ist ein großes Foto aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg angebracht. Soviel hat sich gar nicht verändert, lediglich mehr Grün ist zu sehen. Auch die mittelalterliche Stadtmauer mit ihren Türmen ist noch erhalten, und am Altmarkt mit der Backsteinkirche St. Nikolai glänzen frisch renovierte Bürgerhäuser aus dem Barock. Das 1908 im schönsten Jugendstil erbaute  Staatstheater Cottbus lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Südlich der Stadt locken wieder Bademöglichkeiten. Ich schaffe die Strecke nach Senftenberg trotz Badepausen in zwei Stunden, meist auf bestem Asphalt. Trifft man auf ein altes Wegstück mit dem berüchtigten Kopfsteinpflaster, ahnt man, was Reisende in der Postkutsche früher durchmachen mussten.

Eine verwüstete Landschaft wird Erholungsgebiet

Am Senftenberger Seemeint es das Wetter gar nicht gut mit mir. Es schüttet in Strömen. Doch am nächsten Morgen kann ich trotz grauem Himmel einem Bad nicht widerstehen. Ein gesprächiger Rentner hat die gleiche Idee. Er hat schon hier gewohnt, als die Landschaft noch eine riesige Braunkohlegrube war und dort als junger Mann gearbeitet. „Da sah es hier aus wie auf dem Mond“, versichert er mir. Von 1967 bis 1972 wurde sie von der Schwarzen Elster geflutet, als Teil einer Seenkette, die für den Tourismus und die Naherholung immer attraktiver wird. Eingebettet in üppiges Grün sieht man auch diesem See seine Herkunft nicht mehr an. Am Geierswalder See, wenige Kilometer weiter, werden sogar als Gag für einen besonderen Urlaub schwimmende Häuser angeboten. Es ist erstaunlich, wie sich das Lausitzer Seenland von einer Bergbau- und Industrieregion in eine Ferienlandschaft verwandelt.

Backsteinkirche aus dem 15. Jahrhundert in Herzberg. Foto: Erik Doffek

Backsteinkirche aus dem 15. Jahrhundert in Herzberg. Foto: Erik Doffek

Die Schwarze Elster begleitet mich weiter nach Osten nach Herzberg, ein verschlafen wirkendes Städtchen mit Backsteinkirche aus dem15. Jahrhundert und einem Barockrathaus. Ich übernachte in einem ziemlich nostalgisch wirkenden Gasthaus mit dem Namen „Wolfsschlucht“.

Künstler im Schloss

Schloss Wiepersdorf am nächsten Tag ist da schon vornehmer. Der ehemalige Wohnsitz des Dichterpaares der Deutschen Romantik, Achim und Bettina von Arnim, dient heute Stipendiaten aus Literatur, bildender Kunst und Musik als Begegnungsstätte. Die Herren und Damen sind anscheinend sehr beschäftigt. Nur auf der Terrasse sehe ich ein Pärchen beim Redigieren von Manuskripten. Jedenfalls habe ich den Barockgarten mit den zum Teil recht grotesken Figuren für mich alleine. Erst an der Grabplatte von Bettina von Arnim treffe ich einen emeritierten Germanistikprofessor aus Berlin. Bettina sei selbst eine bedeutende Dichterin gewesen und zu Unrecht im Schatten ihres berühmten Mannes gestanden, Zeit ihres Lebens habe sie außerdem gegen Ungerechtigkeit und Bevormundung durch uneinsichtige Behörden und Adelige gekämpft, vermittelt mir der Literaturkenner in einer Art Kurzvorlesung, während er die Grabinschrift ablichtet.

Lesen Sie hier den zweiten Teil der „Tour Brandenburg“.

Hier die Tour als GPX-Datei.

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