Man sieht nur, was man weiß – Schlösserfahrt ins Seenland Oder-Spree

Schloss Freienwalde

Schloss Freienwalde

Schlösser erzählen Geschichten über ihre Erbauer, ihre Nutzer in den Jahrhunderten und auch über ihren heutigen Zustand. Meistens sind es spannende Geschichten. Ich habe das auf einer Schlösserfahrt ins Brandenburgische erlebt. Dazu muss man nicht bis zu Europas längster Schlössermeile an die Loire reisen, sondern kann in Berlin einfach in den Bus steigen. Tourismus Marketing Brandenburg (TMB) organisiert schon seit Jahren diese Schlösserfahrten. Erfreulicherweise mit wachsender Nachfrage. In diesem Jahr gibt es insgesamt vier verschiedene Touren von unterschiedlichen Punkten in Berlin. Ich hatte mich für die Tour ins Seenland Oder-Spree entschieden. Abfahrt 8 Uhr Berlin Alexanderplatz in einem modernen großen Reisebus, der gut besetzt war. Eine Reiseleiterin an Bord vertrieb die Zeit mit einigen Lebenswahrheiten von Brandenburgs Theodor Fontane wie „Der Schlüssel zur Landschaft ist die Liebe zu Land und Leuten“ und „Man sieht nur, was man weiß“.

Schloss der preußischen Witwe

Die erste Station auf dem Programm ist das Schloss in Bad Freienwalde. Ein einheimischer Schlossführer empfing uns und schon standen wir mitten drin in preußischer Geschichte und folgten den Spuren von Königin Friederike Luise von Preußen. Als Witwe ließ sie sich 1798/99 nach Plänen von David Gilly hier den Sommersitz im frühklassizistischen Stil erbauen.  Auffällig klein und schmucklos der Speisesaal im Schloss, bei Preußens ging es in der Hinsicht oft sehr sparsam zu. Hier entstand eines der kleinsten Schlösser der Preußen. das im 19. Jahrhundert unbewohnt blieb. Ein imposanter Bau, der folgerichtig von Experten zum „Kleinod preußischer Architektur“ erhoben wird. Ein weiteres Kapitel des Schlosses schrieb der reiche, kluge und talentierte Industrielle Walter Rathenau, der 1909 das Schloss erwarb und stilgerecht ausbaute. Eine umfangreiche Ausstellung im Schloss mit vielen Dokumenten erinnert an den Politiker Rathenau, der 1922 einem Attentat durch reaktionäre Offiziere zum Opfer fiel. Sehenswert ist im Schlosspark der Königliche Theaterpavillon, auch als „Teehäuschen“ bekannt, der nach dreijähriger Restaurierung in diesem Jahr wieder eröffnet wurde.

Die Möbel der Charlotte von Mahlsdorf

Küche im Herrenhaus Altranft

Küche in Altranft

Weiter ging die Fahrt zum Herrenhaus des Gutsbauerndorfes Altranft, dem ehemaligen Sitz Edwin Graf von Hackes. Überraschend der im englischen Gartenstil angelegte Park. Fachleute vermuten, hier hat der berühmte Landschaftsarchitekt P.J. Lennè mitgewirkt. In einem Küchenflügel des Schlosses aus jener Zeit hatten besonders die Frauen ihre Freude an dem mehr als 150 Jahre alten Instrumentarium. Auch hier ein liebevoll eingerichtetes Museum, in dem die Möbel der Charlotte von Mahldorf ihre Heimstadt gefunden haben. Übrigens wurde im kleinen Museums-Restaurant aus ländlicher Küche das Mittagessen serviert. Eine kleine Pause legten wir in Kunersdorf am Friedhof mit Säulenkolonnaden ein, die Johann Gottfried Schadow geschaffen hat – ja richtig, der auch die Quadriga formte.


Prunkstück des Klassizismus in Neuhardenberg

Vorderansicht Schloss Neuhardenberg

Vorderansicht Schloss Neuhardenberg

Vor der Ankunft an dem nächsten Schloss spürte ich bei einigen Teilnehmern im Bus aufgeregte Erwartung. Wir rollten zu einem der Höhepunkte der Kulturlandschaft in Brandenburg, dem Familiensitz derer von Hardenberg mit Schloss, Park und Kirche. Umso größer bei ihnen die Enttäuschung. An diesem Tag waren die Innenräume des Schlosses Neuhardenberg für eine Hochzeitsfeier reserviert. Auch eine kleine Revolte gegenüber dem Schlossführer änderte nichts an dem Faktischen. Die Bus-Reisen waren von der TMB langfristig geplant, die Stiftung Neuhardenberg muss Geld mit Vermietung verdienen. Aber wie könnte vielleicht auch Fontane formuliert haben: Es gibt nichts Schlechtes, was nicht auch etwas Gutes beinhaltet. Bei sonnigem Wetter blieb mehr Zeit, um ausgiebig das klassizistische Ensemble mit Pfarrhaus, Schule, Kirche und Grabstätte der Hardenbergs zu betrachten und Geschichten über den Familienbesitz zu hören. Auch der weitläufige Barockgarten hinter dem Schloss, mit viel Zeit, viel Geld und Liebe zum Detail durch den Sparkassen- und Giroverband neu gestaltet, präsentierte traumhafte Sichtachsen, die noch von den großen Baumeistern Schinkel und Lennè entworfen sein sollen. Die Busgesellschaft war versöhnt und einige winkten der Hochzeitsgesellschaft beim Abschied aus Neuhardenberg zu.

Schloss Steinhöfel mit romantischem Park

Schloß Steinhöfel

Schloß Steinhöfel

Letzte Station unserer Fahrt war der Besuch von Schloss Steinhöfel (derzeit wie Neuhardenberg als Tagungshotel genutzt) und dem sich angrenzenden wunderschön romantischen Landschaftspark. Ebenfalls ein Schloss des Frühklassizismus in einer Mischung aus Tudorstil und Neubarock. Nun hatten alle Teilnehmer genügend Bilder von Schlössern und Parkanlagen im Kopf und wir erreichten wie geplant gegen 19 Uhr wieder Berlin.

Im August und September 2010 stehen noch weitere Touren zu den Brandenburger Schlössern auf dem Programm zum Preis von 69 Euro pro Person. Und sicher auch im neuen Jahr geht es wieder auf die Schlösserfahrt.

weitere Infos unter www.schloessertouren.de

Text und Fotos Ronald Keusch

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