Kanutour durch die Wildnis an der Oder

Kanutour im Nationalpark Unteres Odertal

Wildnis mit Bahnanbindung: Das ist der Nationalpark Unteres Odertal. Eine der letzten erhaltenen Flussauenlandschaften Mitteleuropas und eines der artenreichsten Gebiete in Deutschland. Während viele Ausflügler hier zur Vogelbeobachtung wandern oder den Deich entlang radeln, reizt mich die echte „Wasserwildnis“ der Oderauen – und die lässt sich am besten auf einer Kanutour erkunden.

Die elf Kilometer lange Tour beginnt auf der Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße. Von den Anwohnern wird sie liebevoll „HoFriWa“ genannt. Beim Einsteigen schauen die Schafe vom gegenüberliegenden Deich zu. Als alle im Boot sitzen und ein Paddel in der Hand haben, geht es los: Mit möglichst gleichmäßigen Schlägen ziehen wir die Paddel durch das Wasser. Den Takt gibt der vorne sitzende Schlagmann an, wie unser Tourenführer Volker Engbert erklärt. In diesem Fall bin ich die Schlagfrau. Wenn alle gleichzeitig paddeln, geht es zügig voran. Nach einem kurzen Stück müssen wir die Boote über den Deich tragen. Mit der Unterstützung von zwei Rädern, die untergeschnallt werden, geht es ganz schnell.

Kanutour im Nationalpark Unteres Odertal

Die Kanutouren sind in den Schwedter Poldern erst ab dem 15. Juli jeden Jahres erlaubt. Dann ist die Brutsaison der Vögel vorbei. Die Begleitung eines zertifizierten Naturführers ist Pflicht. Der Vorteil: Dieser weiß über Flora und Fauna des Nationalparks bestens Bescheid und beantwortet Fragen zu allem, was es an den Ufern und im Wasser zu entdecken gibt. Die Anzahl an Kanutouristen ist auf zwei Touren und 20 Personen pro Tag begrenzt – wer
Touristenscharen meiden und Natur pur erleben möchte, ist hier also genau richtig. Dafür gibt es unterwegs kein Sternerestaurant. Der Picknickplatz direkt am Wasser ist aber besser als jedes Sternerestaurant. Also: „Pack‘ was zu essen ein!“

Nestbau auf schwimmendem Untergrund

Wir kommen ins Herzstück des Nationalpark Unteres Odertal: In der Schutzzone 1 herrscht (wieder) die Natur. Der Mensch greift hier nicht in die Natur ein. Wildnis eben, und genau das, wofür wir hergekommen sind. Weiße Seerosen und gelbe Teichrosen bedecken das Wasser, hingetupft wie auf einem Aquarellbild, die Ufer sind wild bewachsen mit Gras und Schilf, dazwischen weiße, gelbe, blaue und rosa-violette Farbakzente.

Kanutour im Nationalpark Unteres Odertal

Volker Engbert zeigt uns den bittersüßen Nachtschatten, die Schwanenblüte und den Blutweiderich und lässt uns an der Wasserminze schnuppern, die tatsächlich ganz ähnlich wie Pfefferminze duftet. So habe ich auf der Kanutour schon nach der ersten halben Stunde eine Vielzahl von Pflanzen kennengelernt und außerdem erfahren, dass die Oder-Auen die Ostsee sauber halten: Die üppige Vegetation zieht einen Großteil der Nährstoffe aus dem Wasser, die sich aus dem über 100.000 Quadratmeter großen Einzugsgebiet der Oder angesammelt haben. Zur Ostsee gelangt somit natürlich gereinigtes Wasser, was vor zu viel Algenbewuchs schützt und den Badespaß im Meer sichert. „Flächenfilterfunktion“ nennt sich das.

Nationalpark Unteres Odertal: Heimat für bedrohte Arten

Faszinierend auch das Geheimnis der Krebsschere: Anderswo in Deutschland ist sie bereits existenzbedroht, hier im Unteren Odertal hat sie sich in den letzten Jahren wieder ausgebreitet. Ihre scharfen, nur eine Handbreit übers Wasser ragenden Blätter sind eher unscheinbar, das interessante aber ist: Die Krebsschere schwimmt mitsamt ihren Wurzeln vollständig im Wasser. Dadurch ist sie eine beliebte Nestgrundlage für die Trauerseeschwalbe – eine beeindruckende Symbiose zwischen Pflanzen- und Tierreich.

Kanutour im Nationalpark Unteres Odertal

Mit meiner Begeisterung für solche und andere Besonderheiten dieser Landschaft bin ich nicht allein. Am Picknickplatz etwa auf der Hälfte der Strecke treffen wie eine deutsch-polnische Familie, die ebenfalls über die grüne Wunderwelt an der Oder staunt. Karla (8) und Julian (11) schwärmen mit strahlenden Augen von der Fahrt durch die Wildnis, auf der sie sogar bereits einen Frosch und einen Eisvogel gesehen haben: „Das ist ein echtes Abenteuer!“, heißt es da, und: „Das ist alles hier so cool!“

Fischadler gibt es auch zu sehen

Nach der Stärkung geht es weiter. Nur das Säuseln des Windes im Schilf begleitet uns, als sich das blaue Kanu im Takt unserer Paddelschläge seinen Weg durch den grünen Teppich aus Seerosen und Schwimmfarn bahnt. Da sitzt am Ufer ein Graureiher auf einem Baumstamm und schaut uns etwas hochnäsig an. Dort schwingt sich gerade ein Rotmilan mit beeindruckender Flügelspannweite in den Himmel. Tourenführer Volker Engbert erzählt von einem Ausflug mit einer Touristengruppe, bei dem direkt vor ihren Augen ein Fischadler sein Mittagessen fing – spannender als jeder Naturfilm! Allen, die Natur lieben und sich gern etwas aktiv betätigen, sei die Kanutour ab Schwedt (Oder) wärmstens empfohlen. Die ideale Großstadtflucht bei (fast) jedem Wetter!

Kanutour im Nationalpark Unteres Odertal

Anmeldung zur Kanutour:  5. Juli bis 14. November 2016, Preis pro Person (inklusive Naturführer und Kanus): Erwachsene 35 Euro, Kinder bis 12 Jahre 15 Euro. An wetterfeste Kleidung und Verpflegung denken! Mit dem Brandenburg-Berlin-Ticket fahren bis zu 5 Personen für insgesamt 29 Euro an einem Tag hin und zurück. Der Tourismusverein gibt auch Tipps für die Übernachtung vor Ort (Telefon: 03332/25590 oder im Internet www.unteres-odertal.de)

Anreise: Mit Regional-Express RE 3 bis Schwedt (Oder), ca. 10 Minuten Fußweg  zum Treffpunkt. Fahrzeit ab Berlin Hbf:  1 Stunde 23 Minuten.

  • Guten Tag Herr Clausen, danke für Ihren Hinweis! MfG, Steffen Lehmann

  • Jürgen Clausen

    Die Polder filtern nicht das Oderwasser. Das Oderwasser fließt direkt durch die begradigte Ostoder nördlich von Stettin ins Haff (und zum Teil auch durch die HoFriWa bzw. Westoder). Und die Brutzeit ist nicht am 15. Juli vorbei, das ist ein völlig willkürlich von Behörden gewähltes Datum. Aber die Tour ist trotzdem toll. Das sage ich als ehemaliger Kanuführer des Nationalpark Unteres Odertal und Autor von www-flussinfo-net.