Ein Jahr im Wasser: Wie eine Kanadierin beim Schwimmen Brandenburg entdeckte

Jessica Lee im Zeesensee, Foto: Jessica J. Lee

Ein Jahr lang ist Jessica Lee jede Woche schwimmen gegangen. Nicht in der Schwimmhalle, sondern draußen. In Brandenburg und Berlin. In großen und kleinen Seen. Über ihr Jahr im Wasser hat sie ein Buch geschrieben. Emotionaler ist über Brandenburger Seen noch nicht geschrieben worden!

Ein Wochenende Anfang April. Die Sonne scheint, alles strömt nach draußen. Sitzt in Straßencafés, geht spazieren. Jessica Lee geht schwimmen. Im Teufelssee. Das Wasser erwärmt sich nach Winter langsam, misst aber gerade einmal zehn Grad. „Das ist warm. Für mich.“, sagt sie. Willkommen in der Welt von Jessica Lee. Während ich im Frühling, geschweige denn im Herbst und Winter, nicht einmal mit den Zehen ins Wasser gehe, schwimmt Jessica Lee jetzt am liebsten.

Sie beginnt mit dem Schwimmen kurz nach dem sie führ ihre Doktorarbeit nach Berlin gezogen ist. Sie ist niedergeschlagen und traurig nach einer gescheiterten Ehe. Sie sucht einen Ort für sich, wo sie allein sein kann und sich dennoch zuhause fühlt. Sie sei schon immer ein Fan von Listen und Projekten gewesen, sagt Jessica Lee. Und jede Woche ein See scheint ihr machbar und ist außerdem eine gute Ablenkung von schwermütigen Grübeleien. Für ihre wöchentlichen Seentrips stellt sie sich nur wenige Bedingungen. Anreise nur mit Fahrrad oder Bahn. Und kein Neoprenanzug im Winter!

Eine Liebeserklärung an das Schwimmen

Ihre Entdeckungsreise durch Brandenburg und Berlin beschreibt sie in „Ein Jahr im Wasser. Tagebuch einer Schwimmerin“ mit einfühlsamen Worten, nimmt aber auch kein Blatt vor den Mund. Es gibt auch Seen, die nichts taugen und nerven. Dann ist ihre Enttäuschung fast greifbar. Dann sind natürlich auch die Seen, über die sie am liebsten den Mantel des Schweigens breiten würde, weil sie dort am liebsten allein ist. Schwimmen, so lesen wir, ist viel mehr als einfach ins Wasser springen. Schwimmen ist für sie ein Gefühl, die Möglichkeit sich zu verlieben, der Natur zu vertrauen und einen Ort zu finden, wo sie mit sich allein sein kann.

Ultra clear sweetwater ice on #Liepnitzsee #berlin #brandenburg #wildswimming #winterswimming

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Wie das heute so üblich ist, berichtet sie über ihre Expeditionen ins Wasserreich auf Twitter und Instagram. #52lakes heißt der Hashtag, mit dem man auch heute noch Jessica Lee virtuell begleiten kann. Jessica Lee erzählt, dass sie sich nicht fremd fühlte, wenn sie in den abgeschiedenen Orten Brandenburgs schwamm. Dieses Ankommen und Wohlfühlen habe ihr sehr viel bedeutet. Mittlerweile sind ihre Schwimmgänge auch mehr als nur ein Sprung ins kühle Nass. Sie sehe die Landschaft mittlerweile mit anderen Augen, sagt Jessica Lee, nehme Dinge wahr, die sie früher übersehen hätte.

Jessica Lee ist in Kanada geboren und aufgewachsen. Am Wochenende ging es immer in die Natur. Aber eine passionierte Schwimmerin war sie nie. „Ich hatte als Kind große Angst vor Seen“, sagt sie, „und bin immer nur im Schwimmbad geschwommen.“ Erst als junge Frau, da ist sie 19 Jahre, beginnt sie draußen in der Natur zu schwimmen. Da muss Brandenburg mit seinen 3000 Seen für sie wie ein Paradies vorgekommen sein. Für ihre Seenliste legt sie eine Tabelle an, liest in Foren, zoomt sich im Internet an den nächsten Seen heran. Aber manchmal entdeckt sie ihren nächsten See auch aus den Augenwinkeln, wenn sie unterwegs ist. Nach einem Jahr und 52 Seen ist für sie klar. Nie wieder Schwimmbad!

Cold swim at #Bogensee. With the eels. 🐍 #52Lakes #wildswimming #Berlin #vscocam

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Ihr Buch ist natürlich mehr als ein Reiseführer in die Berlin-Brandenburger Seenlandschaft (am Ende des Buches gibt es Tipps zu den Seen, in denen Jessica Lee geschwommen ist). Es ist auch eine Beschreibung über eine Reise zu sich selbst. Sie verwebt Erinnerungen aus ihrer Kindheit, den Wochenendausflügen in das Cottage der Familie und der Angst vor den dunklen Seen ihrer Heimat mit ihren Erlebnissen an ihren Seen in Brandenburg und Berlin. Das liest sich sehr einnehmend. Und noch nie ist so kenntnisreich und emphatisch über die Seen in Brandenburg geschrieben worden! Genauso wichtig wie das Schwimmen ist das Hinkommen. Wahrscheinlich hat es erst dieser jungen Frau aus dem fernen Kanada bedurft, um uns „Eingeborenen“ zu erzählen, welcher Schatz vor unserer Haustür liegt.

Had two glorious swims in #sacrowersee today. 😊 #52Lakes #Berlin #wildswimming #vscocam

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Und natürlich führt so ein Projekt auch zu Erkenntnisgewinn. Zum Beispiel, im Winter immer ein extra paar Socken einzupacken. Das weiß Jessica Lee spätestens seit dem Wintertag, als sie bis zur Hüfte in einen See einbrach und pitschnass war. Seit dem sie in Brandenburg und Berlin schwimmt, hat sie natürlich einige Seen, die es auf ihre Favoritenliste geschaft haben. Den Bötzsee in Strausberg mag sie und den Habermannsee in Berlin. Das sei immer wie in den Urlaub fahren. Richtig verliebt ist sie aber in den Hellsee bei Lanke. Den habe ich ihr empfohlen. „Der ist einfach zauberhaft“, sagt sie. Sie bedankt sich mit einer Widmung in ihrem Buch dafür. „Den Hellsee hätte es ohne dich niemals nicht gegeben“, schreibt sie. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich ihn hätte empfehlen sollen. Schließlich mag sie es, wenn sie mit „ihren“ Seen allein ist.

Mit Manuel Andrack auf dem 66-Seen-Weg

Kleines Paradies: der Hellsee.

P.S. Berlin kann froh sein, dass Brandenburg drum herum liegt, sagte einmal der Regisseur Andreas Dresen. Insofern wäre es schön gewesen, wenn der Verlag auf dem Einband nicht alle Brandenburger Seen zu Berliner Seen erklärt hätte. Ein Fehler, der sich bei einer Neuauflage bestimmt korrigieren lässt.

Information

„Mein Jahr im Wasser. Tagebuch einer Schwimmerin“ ist im Berlin Verlag erschienen.