Chicorée – Ein Gemüse macht Nachtschicht im Spreewald

Foto: Landgut Pretschen

Sie sprießen nur im Dunkeln: Nur während des Verpackens kommen die Chicoree-Sprossen kurz ans Licht.

Kein anderes Produkt hat den Spreewald so bekannt gemacht wie die Gurke. Doch nur die Wenigsten wissen, dass in dieser Region auch ein anderes Gemüse wächst. Der Chicorée! In Pretschen bei Lübben kümmert sich Bio-Landwirt Sascha Philipp jedes Jahr zwischen Oktober und April um das Gedeihen dieses Wintergemüses, das ganz besondere Bedingungen nötig hat.

Wer mehr über den Chicorée erfahren möchte, macht am besten einen Ausflug dorthin. Von Lübben geht es mit dem Fahrrad immer dem Symbol der grünen, radelnden Gurke nach. Rechts und links dieses Weges gibt es viele Möglichkeiten, die sauer eingelegte Spezialität des Spreewaldes zu kosten. Zum Beispiel in der Gurken-Einlegerei in Boblitz. Auch in einigen Restaurants können Besucher Gurken in verschiedenen Variationen probieren, die man anderswo vergeblich auf der Speisekarte sucht: Zum Beispiel den Gurkentopf, die Gurkensuppe oder die Schmorgurke. Und in Lehde gibt es sogar ein Gurkenmuseum.

Das Dorf Pretschen gewann in diesem Jahr im Bundeswettbewerb „Dorf mit Zukunft" die Silbermedaille.

Das Dorf Pretschen gewann in diesem Jahr im Bundeswettbewerb „Dorf mit Zukunft“ die Silbermedaille.

Chicorée-Sprossen lieben die Dunkelheit

Doch der Spreewald hat nicht nur Gurken zu bieten. Wer den nördlichen Abschnitt des insgesamt rund 260 Kilometer langen Gurkenradweges in Richtung Schlepzig nimmt, kommt nach etwa 26 Kilometer in das kleine Dorf Pretschen im Unterspreewald. Der Ort, der auf sorbisch Mrocna heißt, zählt zu den ältesten der Niederlausitz und wurde im Jahr 1004 erstmals urkundlich erwähnt. 2013 gewann Pretschen im Bundeswettbewerb „Dorf mit Zukunft“ die Silbermedaille. Rund 300 Menschen leben hier zwischen dichten Kiefernwäldern, Auwiesen und Fließen der Spree. Auch Sascha Philipp gehört zu ihnen. Der 42-jährige Landwirt betreibt dort die größte Bio-Chicorée-Treiberei Deutschlands und trägt damit auch dazu bei, dass das Dorf und seine Bewohner eine Zukunft haben. In einem speziellen Gewächshaus des Landguts Pretschen gedeiht der Chicorée – und zwar gänzlich ohne jemals einen Sonnenstrahl zu sehen.

Was für die meisten Pflanzen gut ist, ist für den Chicorée schlecht – Licht! Darum wächst die Pflanze auch komplett im Dunkeln. Sonst würde sie bitter und wäre nicht mehr genießbar. Jeden Lichtstrahl, der auf den Chicorée fällt, merkt sich die Pflanze und erhöht somit die Konzentration der Bitterstoffe. Daher geht Sascha Philipp bei seinen Kontrollgängen auch immer mit einer Taschenlampe durch die Treiberei.

Ungewöhnliche Kulisse: Die Brandenburgischen Sommerkonzert waren 2013 im Gewächshaus des Landguts Pretschen zu Gast.

Ungewöhnliche Kulisse: Die Brandenburgischen Sommerkonzert waren 2013 im Gewächshaus zu Gast.

Doch bis es soweit ist, müssen im Mai zunächst Zichorien gesät werden. So heißt die rübenartige Pflanze mit ihren sehr üppigen Blättern. Im Oktober wird sie geerntet, wobei der Putzabfall an die Milchkühe im Landgut verfüttert wird. Außer den Wurzeln – diese sind die Basis für den Chicorée. Nachdem diese für rund zwei Wochen in einem Kühlraum gelagert worden sind, werden die Wurzeln in dem Gewächshaus in große Plastikwannen gesteckt. Im dem relativ warmen Klima und abgedunkeltem Raum werden sie nun permanent gewässert. Innerhalb von drei Wochen treiben die Wurzeln neue Sprossen aus – und diese nennt man Chicorée. Bis zum nächsten April wird Sascha Philipp zusammen mit seinen Mitarbeitern rund 100 Tonnen geerntet haben.

Die Fließe der Spree verzweigen sich sogar bis nach Pretschen.

Die Fließe der Spree verzweigen sich sogar bis nach Pretschen.

Wer mal wieder ein leckeres Gericht mit dem vitaminreichen Wintergemüse zubereiten möchte, kann den frisch geernteten Chicorée direkt im Hofladen des Landguts kaufen. Oder in einem der vielen Bio-Supermärkte in Berlin und Brandenburg. Und aus Chicorée kann man nicht nur schmackhafte Salate zubereiten, sondern die weiß-gelblichen Blätter schmecken auch gut gedünstet als Gemüsebeilage oder nach belgischer Art umwickelt mit Schinken und Käse überbacken.

Hochprozentiges aus Chicorée

Doch Chicorée ist nicht nur ein leckeres Wintergemüse. Aus der Pflanze lässt sich auch Hochprozentiges herstellen. Zum Beispiel einen 40-prozentigen Wurzelbrand. Zu Beginn der Saison sortiert Sascha Philipp die größten und saftigsten Wurzeln aus, um daraus eine einzigartige Bio-Spirituose herstellen zu lassen, dessen Geschmack zwischen Obstler und Grappa liegt. Rund 300 Liter kommen jedes Jahr zusammen. Dies geschieht allerdings nicht in Pretschen, sondern in der historischen Klosterbrennerei in Neuzelle. Und dass, obwohl auf dem Gelände des Landguts ein dreistöckiges Backsteingebäude aus dem Jahr 1848 steht, das einst mal die größte Brennerei Brandenburgs gewesen war. Sie wurde von einer Dampfmaschine angetrieben und der dort gebrannte Schnaps brachte dem Gut damals den wirtschaftlichen Aufschwung.

Wie wäre es mal mit einem Chicorée-Wurzelbrand als Aperitif?

Wie wäre es mal mit einem Chicorée-Wurzelbrand als Aperitif?

Information:

Wer mehr über das Dorf erfahren möchte sowie die alte Brennerei oder das Landgut besichtigen will, sollte sich vorher unter der Telefonnummer 03 54 76. 6 55 61 oder per E-Mail (spreewald-thiele@gmx.de) anmelden.

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Chicorée 52.088599, 13.991404 Pretschen, Deutschland (Routenplaner)
  • Joachim Waldemar März

    Kauft Leute kauft Hier wird wirklich Bio angebaut ohne Gift ohne Chemie