Potsdam: Zu Besuch bei einer Blumenmalerin

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Stürmisch schnappe ich meine Kamera und hetze aus dem Büro. Das Thermometer meines Autos misst 33,5 Grad. In brütender Hitze kämpfe ich mich durch den dichten und stickigen Stadtverkehr. Nach zwölf Kilometern nordwestlich von Potsdam werden Autolärm und Stadtgewimmel plötzlich von Stille und angenehmer Ruhe abgelöst.

Ich bin in Kartzow, einem 110 Seelenort angekommen. In dem von Potsdam eingemeindeten Dorf wohnen zurückgezogen Charis Schwinning und Wolfgang Fabian. Ins Auge fallen mir sofort die purpurvioletten Fensterläden ihres 140 Jahre alten Hauses, die den Backstein so kontrastreich schmücken. Ich betrete den Bauerngarten und tauche ein in eine andere Welt. Eine Welt voller Farbenpracht und Ursprünglichkeit. Meine Ohren hören nur zwei Dinge: Bienensummen und die vom Luftzug tanzenden Blätter in den Sträuchern und Baumkronen. Sitzt man unter diesem Blätterdach im Bauerngarten von Charis Schwinning verändert sich das eigene Zeitempfinden.

Atelier im Bauerngarten in Potsdam

Die Anordnung der Pflanzen ist keinesfalls zufällig.

Unbeflecktes Paradies, wie vor 100 Jahren

Seit 1992 lebt das Ehepaar hier zwischen Blumen, Obstbäumen, Gemüsegarten, Hühnern und Ziegen, wie einst unsere Groß- und Urgroßeltern. Ein Ensemble aus Bauernhaus, Hof, Garten und Scheune. Ein Idyll. Neugierig sehe ich mich um. Der Holzstuhl auf dem Rasen und zwei mit Wasser gefüllte Zinkwannen stehen unter einem Baum neben dem Phlox-Rondell. Ein schönes Fotomotiv, denke ich und klicke im nächsten Moment auf den Auslöser meiner Kamera.

An der Scheunenfassade rankt Wein, der um die orangenen Fenster herumwächst. Dass sich hinter der farbigen Holztür eine Küche mit traditionellem Lehmofen verbirgt, erfahre ich erst später. Das Paar versorgt sich zum großen Teil selbst. Dafür gibt es im Garten viel Obst, Gemüse, Kräuter und die Tiere. Ich fühle mich in ein anderes Jahrhundert versetzt.

Atelier im Bauerngaren in Potsdam

Hinter dieser Tür verbirgt sich die traditionelle Lehmofenküche.

Künstlerin im Atelier im Bauergarten

Mit Schürze, einem Kopftuch und einer Schüssel in der Hand läuft Charis Schwinning flink über den Hof. Sie ähnelt einer Bäuerin. Die gelernte Orgelbautischlerin und studierte Restauratorin ist heute in der Region eine bekannte Malerin. Ihre farbintensiven Blumenmotive waren in unzähligen Ausstellungen zu sehen, auch im Ausland. Derzeit sind ihre blumigen Kunstwerke in Rheinsberg ausgestellt. Wo sie ihre Inspiration für ihre schönen Bilder hernehme, frage ich sie. Die Antwort deutet die Künstlerin mir mit einer präsentierenden Bewegung an. Sie öffnet beide Arme und sagt stolz: „Hier aus meinem Garten. Er ist meine Inspirationsquelle und meine Arbeitsgrundlage. Die Natur ist es, an der ich mich orientiere.“

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Charis Schwinning, Rittersporn Sopran und Sternennacht, 2004, Öl auf Leinwand, 90×60 cm

Sofort fällt mir die intensive Farbenpracht des Gartens ins Auge. Rosa und rote Rosenblüten und enzianblau blühender Rittersporn stehen im Kontrast zum satten Grün der Blätter. Wenn Charis Schwinning mit ihrer Staffelei im Garten steht, bildet sie eine Einheit mit ihm. „Ich fange Situationen und Stimmungen ein, weshalb kein Bild dem anderen gleicht. Ich lasse meine Eindrücke und Gefühle in die Bilder einfließen“, sagt sie.

Farben kommen aus dem Garten

Sogar die Farben, die sie kreativ mit dem Pinsel auf die Leinwand bringt, stellt sie mit Produkten aus ihrem Garten selber her. Sie erzählt, dass sie sich für die Malerei Freiräume schaffen müsse und sich die Zeit dafür streng einteile. „Wenn ich male, dann dauert das Stunden und da möchte ich auch nicht gestört werden.“ Die Klingel höre sie nicht und das Telefon existiere in diesen Momenten für sie nicht. Nur der Regen überrasche sie manchmal ganz plötzlich. Das ist wohl das Risiko, das man eingehen muss, wenn das Atelier der eigene Garten ist.

© Wolfgang Fabian/Atelier im Bauerngarten

© Wolfgang Fabian/Atelier im Bauerngarten

Die Kunst der Gartengestaltung

Charis Schwinning wirkt rast- und ruhelos. So ein Gartentraum muss gepflegt werden. Viel zu tun im Haus und Garten gebe es immer, erzählt mir die passionierte Hobbygärtnerin, die alles in ihrem Garten selber anpackt. Besonderes Augenmerk legt sie auf die Pflanzenanordnung und die Gestaltung. Auch das ist Kunst, wofür man ein Händchen braucht, denke ich, als mir Charis Schwinning im nächsten Moment völlig fasziniert eine Irisblume zeigt: „Schauen sie sich die intensive Farbe und die Form an. Bei ihr wirkt selbst das Verblühen noch elegant.“ Sie schwärmt von ihren Rosen, vom Rittersporn und der Phlox-Blüte im Sommer und von den Astern im Herbst. Seit Jahren führt sie genau Tagebuch darüber, wann welche Pflanze blüht und wieder verblüht. „Das eine löst das andere ab. So ist das in der Natur“, erklärt Charis Schwinning mit leuchtenden Augen.

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Literarische Kochkurse

Neben dem Malen und dem Gärtnern, verbindet Charis Schwinning noch eine weitere Leidenschaft mit der Natur: Das Kochen. Am liebsten mit Zutaten aus ihrem eigenen Garten und zubereitet in der alten Scheune, in der sich heute eine große Lehmofenküche befindet. In der Mitte steht präsent der große Ofen, den Charis selbst entworfen hat und der oft zum Einsatz kommt. Sie studiert uralte Kochbücher, aus denen sie sich interessante Rezepte heraus sucht und dann ausprobiert. In Kursen bringt sie das traditionelle Kochen nach alten Rezepten und Bioprodukten ihren Teilnehmern bei. Gewürzt wird das gemeinsame Zubereiten mit literarischen Texten, die ihr Mann vorträgt.

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Kochen im Bauerngarten

Wolfgang Fabian ist gelernter Buchhändler, Erzähler und Essayist. Auch er tankt Kraft im eigenen Garten und noch mehr, wenn er den Kochkursteilnehmern aus den Büchern seiner großen Bibliothek vorliest. Mit Gästen philosophiert er am liebsten über alte Literatur und Autoren. „Wir haben oft sehr interessierte Kursteilnehmer dabei“, freut er sich. Alle zwei Wochen und nach Absprache laden sie sechs bis zwölf Teilnehmer zu einem Kochkurs ein. Ende Juni eröffnen sie die Kirschsaison mit einer original Schwarzwälder Kirschtorte und Kirschpfannkuchen, die in Eisenpfännchen auf Holzfeuer gebacken werden.

Am Ende meines Besuches sitzen wir gemütlich in der Hollywoodschaukel. Wir plaudern über damalige Zeiten, über Ernährung und Literatur, bevor ich beschwingt und voller Eindrücke nach Hause fahre.

Information: Atelier im Bauerngarten, Charis Schwinning und Wolfgang Fabian, Kartzower Dorfstraße 4, 14476 Potsdam OT Kartzow, Telefon (033208) 51431, Internet: www.atelierimbauerngarten.com. Publikumstage, an denen Hof und Garten zum Eintritt weit offen stehen, sind die „Offenen Gärten Berlin-Brandenburg“ oder im Rahmen des Gartenkulturpfades Potsdam.

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Atelier im Bauerngarten 52.491671, 12.978270 Kartzower Dorfstraße 4, 14476, Potsdam, Deutschland (Routenplaner)

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